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Sibylle Hofter
Ein dreijähriges Mädchen knotet in der Küche ein Maßband aus China von
Schublade zu Schranktür, von Kühlschrank zu Tisch und von Hocker zur Tür,
dreißig Hundert Meter, sagt sie, acht Vierzig und fünfzig Hundert, die
Kombination mit Hundert benutzt sie besonders nachdrücklich. Was sie mit dem
rotbedruckten Maßband misst, das auf der schöneren Seite Zoll anzeigt und auf
der unübersichtlicheren fiseligen Seite die Zentimeter, erschließt sich
nicht. Der Erwachsene hält sich mit Mühe zurück zu erklären, dass Knoten im
Maßband das Messergebnis unbrauchbar machen, und dass die Seite mit den
kleineren Abständen in Deutschland die gebräuchliche sei. Die Zeit der
Zurückhaltung, die der Erwachsene untätig am Küchentisch sitzt, bringt den
zwölfjährigen Autisten in Erinnerung. der in Nijmegen akribisch die Küche der
Freunde vermaß, bei denen er einmal wöchentlich zu Besuch kam. Die Abstände
stimmten, und die Skala stimmte.
Begegnete man Christian Hasucha auf der Straße, hielte man ihn weniger für
einen vermessenden Künstler, als für einen literarischen oder realen
Landvermesser. (Meines Wissens nach ist nie einer der Vermessungsingenieure,
die vorbereitend und verlässlich das Geschehen des Hauptstadtstadtaufbaus
begleiten, Gegenstand von Schaustelle-Berlin-Führungen geworden.) Dieser
Eindruck mag auch die reibungslose Installation der Arbeit entlang der B246
ermöglicht haben: Ein Transporter, zwei Männer, zwei Reflektorwesten, je
eines der 28 sorgfältig vorproduzierten Schilder und ein Erdbohrer bildeten
ein Ensemble, das so deutlich für die Legalität seiner Aufgabe stand, dass
keiner der passierenden Autofahrer, anhielt, um zu fragen, wer das Tun
genehmigt habe, obwohl es kaum denkbar ist, dass sich nicht eine Anzahl von
Pächtern bzw. Eigentümern der betreffenden Gemarkungen oder deren Nachbarn
unter ihnen befanden.
Das ist nicht nur eine vergnügliche Geschichte, die in Preußen wieder hoffen
läßt, sondern auch ein Modell dafür, wie Hasuchas Arbeiten in der Welt
stehen. Vielleicht muss der Sachverhalt gar nicht mehr auf geknüddelt werden:
Die Arbeit erzählt ihre eigene Geschichte: wie sie mit den Mitteln nicht nur
des Gewohnten, sondern des mimetisch Eingepassten, Distanz zum gewohnten
Blick herstellt und ihn für eine andere Form von Wahrnehmung freimacht. Käme
Hasucha mit handschriftlich gepinselten Schildern daher und haute sie mit dem
Vorschlaghammer neben das jeweilige Messobjekt, hätte er ebenfalls den
Abstand zur Straße angegeben, aber alle Welt hätte gesagt, da ist Kunst, was
soll das und wo ist überhaupt die Genehmigung. Ihre Mimikri lässt die Arbeit
umso deutlicher erscheinen, mit ihr lässt sie sich nicht so leicht in die
Kunstecke (die auch die Ecke der armen Irren ist) abdrängen.
Welchen Abstand geben die Schilder denn nun an? Erfährt der Autofahrer beim
Passieren eines zuvor nicht näher definierten Baumes, dass er sich 101 m von
ihm entfernt befindet? - aber der Autofahrer, der in die andere Richtung
unterwegs ist, erfährt das gleiche und trotzdem ereignete sich bei der
Begegnung der beiden kein Unfall. Also kann es nicht die Subjektive des
Fahrers sein, die in dem temporär eingesetzten oder implantierten System die
Nullkoordinate bildet. Die Mittellinie der Straße ist logischer (und
zutreffend) als eine der seitlichen Begrenzungen. Vielleicht ist es schade,
dass das implantierte System eines ist, das sich an objektiven Begebenheiten
orientiert, statt an der Subjektivität des Fahrers (diese Frage ergab sich
aus einer längeren Diskussion in der Vorbereitungsphase des Projekts).
Andernfalls hätten die Angaben mit etwas wie +/- 1m verkompliziert oder für
jede Fahrtrichtung unterschiedlich sein müssen. Für meinen Geschmack
entspricht es aber den brandenburgischen Tatsachen, die Objektivität der
Bundesstraße brutal zur Nullkoordinate dieses Systems zu erklären. Ich würde
sogar sagen, dass das längst geschehen ist. Die übergeordnete Nullkoordinate
ist die Autobahn, eine Alternative wäre die Bahnlinie, die es in der Gegend
noch gibt, weil sie gleichzeitig die Verbindung zweier Grosstädte bildet. Die
nachgeordneten Nullkoordinaten sind die Bundesstraßen.
Die Lage innerhalb dieser Klassifizierungen bestimmt die Wirtschafts- und
Lebensbedingungen der Menschen. Ein sozial-integriertes Leben ohne Auto ist
allenfalls in der Nähe dieser Unterrückgrate möglich (Busse). Nähme man eine
Karte ohne Gewerbegebiete zur Hand, könnte man mit statistischer Genauigkeit
aus der Verkehrsanbindung die Lage der vorhandenen Gewerbegebiete ermitteln.
Dass die Verfügbarkeit eines fahrtüchtigen Autos Voraussetzung für das Leben
auf dem Lande geworden ist, ist eine Binsenweisheit, die näher zu untersuchen
sich trotzdem lohnt. Obwohl die Menschen sich Enklaven, wie Gärten und
teilweise auch eigene Traktoren erhalten haben, die ihnen die Wahrnehmung
z.B. von Wetter auch außerhalb des Autos bzw. des Weges zum Auto anbieten,
findet diese größtenteils durch die Windschutzscheibe statt: Man verbringt
eine Menge Zeit beim werktäglichen Pendeln und hat jeweils morgens und
nachmittags das gleiche Stück Himmel vor Augen. Dessen Veränderungen lernt
man anders schätzen, da man von seinen Segnungen nicht mehr unmittelbar
abhängig ist.
An die zu-überbrückende-Zeit der Pendlerwege hat sich längst die Lust auf
Spritztouren mit integrierten Besuchen der Gastronomietankstellen
angeschlossen.
Susken Rosenthals Idee, Kunst an Durchfahrtsstraßen zu zeigen, trägt dieser
Wirklichkeit Rechnung und versetzt die teilnehmenden Künstler in die Lage,
sich von den Schemata des Zeigens von Kunst zu befreien und sich von ihrem
Publikum zu emanzipieren. Nun braucht keiner dem anderen Interesse zu
heucheln, entweder es ist da oder nicht. Die Anwesenheit der Arbeiten ist
über einen begrenzten Zeitraum kontinuierlich, aber unaufdringlich, nichts
braucht sich im ersten Durchgang erschließen. So sind Hasuchas Meterangaben
zunächst eingereiht in den spezialisierten Teil der praktischen Beschilderung
der Strasse, deren Bedeutung nur Beteiligten (Strassenmeisterei, Bundeswehr
etc) bekannt ist. Damit steht sie jenseits der Alltagswahrnehmung und wird
nur gesehen, weil sie als Veränderung auftritt
In späteren Wahrnehmungsdurchgängen fragt man sich, worauf sich die Angaben
beziehen, ... etc. bis die Arbeit (oder der Plan) komplett im Kopf vorhanden
und das letzte Schild weitab im Wald entdeckt ist.
Ich bin ein Landvermesser
Den literarischen (vorgeblichen) Landvermesser hat Kafka mit K. im Schloss
1922 nachdrücklich in die Literatur eingeführt. Allerdings: schon 1879 taucht
der Landvermesser Old Shatterhand aus Dresden im Wilden Westen auf. Nur
wenige Landvermesser zu kennen (als da wären Jeremiah Dixon bei Pynchon, der
(Gross-) Vater bei Danilo Kis, Ich bin ein Landvermesser als Titel
gesammelter Gespräche zwischen Alexander Kluge und Heiner Müller), reicht
aus, um einen literarischen Topos auszumachen. (-Wie war das in dem Gespräch
gestern? Die durch Messung objektivierten Ansichten seien Ausdruck von Macht
gegenüber den emotional erfassten Größenordnungen. Die Diskussion uferte
dahingehend aus, dass beide Orientierungsformen Potenzial zur Machtausübung
böten.)
Halten wir fest: Vermessen ist eine Form ordnender Annäherung an
Gegebenheiten auf der Grundlage einer bekanntgegebenen Maßeinheit/Skala, die
(bei gleichbleibendem Gegenstand) die Wiederholbarkeit der Messung
ermöglicht. Die skalierte Grundlinie bildet die Nullkoordinate eines
Bezugssystems. In der Wahl dieser Nullkoordinate liegt die (Freiheit der)
Entscheidung. Hat man sie getroffen, ergibt sich der Rest von selbst: Die
Welt kann dann nach Herzenslust mit eindeutigen Bezügen versehen werden. Das
messende Kind braucht keine Aussage über sein Bezugssystem zu machen, denn es
kann nichts tun als die Welt mit sich selbst zu vermessen. Beim Autisten mag
die Sache ähnlich, anders liegen. Da scheint sich das kindliche Bedürfnis,
die Welt mit sich selbst als Maß zu vermessen, von diesem Selbst getrennt zu
haben und nun als absolutes Ordnungsbedürfnis, zwischen der eigenen Person
und den Mitmenschen zu stehen (mit der Angst als seinem Widerpart).
www.jova-nova.com: Self-Marketing, siehe "10 Platin-Regeln":
1. Definieren Sie sich stets in drei Worten:
Auf die Frage, was Sie sind oder tun, antworten Sie stets: Ich bin
Landvermesser. (Ersetzen Sie Landvermesser durch ein einziges auf Sie
passendes Hauptwort.)
Auch in Zeiten der Arbeitslosigkeit antworten Sie nicht stellensuchend,
sondern Landvermesser.
Falls Sie nicht genau wissen, was Sie sind, oder falls Sie vieles zugleich
tun, sind Sie Landvermesser.
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